Macht – Willkür – Opfer

Warum es meines Erachtens so wichtg ist zu vermeiden, weder zum Opfer zu werden noch sich zum Opfer zu machen

Ein Opfer-Dasein ist kein natürlicher Zustand, sondern eine zugeschriebene und/oder akzeptierte Position innerhalb eines Machtverhältnisses. Wer sie vermeidet, schützt seine Handlungsfähigkeit – und damit seine Freiheit jenseits aller Benachteiligung und Diskriminierungen.

Macht: Struktur, Beziehung, Möglichkeit

Macht ist kein monolithischer Block, sondern ein Geflecht aus Beziehungen, Erwartungen, Zuschreibungen, Handlungsspielräumen und Selbstbild. Sie existiert nicht nur dort, wo jemand Befehle erteilt, sondern überall dort, wo Menschen aufeinander einwirken und Menschen ihrer Rolle/n reflektieren

Macht bedeutet daher nicht zwingend Unterdrückung. Sie kann auch ermöglichen, koordinieren und schützen. Doch sie kann ebenso entgleiten und zur Willkür werden – dort, wo Macht sich nicht mehr an Regeln, Argumente oder Gegenseitigkeit bindet. In diesem Spannungsfeld entsteht die Frage: Wie bleibt ein Mensch handlungsfähig, wenn Machtverhältnisse asymmetrisch werden bzw. sind?

Willkür: Die Entgrenzung der Macht

Willkür ist Macht ohne Rechtfertigung. Sie ist das Moment, in dem Gründe keine Rolle mehr spielen, in dem Entscheidungen nicht mehr nachvollziehbar, überprüfbar oder verhandelbar sind. Willkür ist gefährlich, weil sie die Welt unberechenbar macht. Unberechenbarkeit wiederum erzeugt Ohnmacht – und Ohnmacht ist der Nährboden für ein Opfer‑Dasein. Doch Willkür ist nicht nur ein äußeres Phänomen. Sie kann auch internalisiert werden:

  • wenn man sich selbst keine Gründe mehr zutraut
  • wenn man fremde Deutungen über das eigene Leben übernimmt
  • wenn man die eigenen Möglichkeiten unterschätzt, sich in vorweg eilendem Gehorsam Vorteile erhofft.

Willkür zerstört Orientierung. Und Orientierungslosigkeit macht verletzlich.

Opfer: Die Position beschränkter Handlungsfähigkeit

Opfer‑Sein ist nicht identisch mit Leid. Menschen können leiden, ohne Opfer zu sein – und sie können Opfer sein, ohne (z.B. körperlich) verletzt zu werden. Ein Opfer-Dasein ist eine Position, die durch drei Merkmale gekennzeichnet ist:

  1. Fremdbestimmung – andere definieren, was geschieht
  2. Deutungshoheit von außen – andere erklären, warum es geschieht
  3. Handlungsblockade – die eigene Wirksamkeit erscheint unmöglich

Diese Position ist gefährlich, weil sie sich selbst verstärkt. Wer sich als Opfer erlebt, verliert leicht die Fähigkeit, Alternativen zu sehen. Die Welt wird enger, die Zukunft kleiner, die Gegenwart bedrückender.

Doch entscheidend ist: Ein Opfer‑Dasein ist nicht nur Ergebnis äußerer Gewalt, sondern auch ein innerer Zustand, der angenommen oder zurückgewiesen werden kann. Deshalb haben wir [auf Anregung von Hagai] z.B. den 2. Mai zum Erinnerungs- und Widerstands- Tag gemacht, obwohl wir dabei der schlimmsten je an „uns“ begangenen systematischen Mordaktion gedenken]

Wie man ein Opfer‑Dasein vermeidet

1. Die eigene Deutungshoheit verteidigen

Wer bestimmt, was etwas bedeutet? Die Antwort auf diese Frage entscheidet über Freiheit. Handlungsfähigkeit beginnt dort, wo man die eigenen Gründe ernst nimmt – auch wenn andere sie abwerten, pathologisieren oder ignorieren. Deshalb ist der wichtigste Ausschluss in der PatVerfü gleich am Anfang, dass man von Ärzten noch rechtswirksam einer Psychischen Krankheit bezichtigt werden darf.

2. Gründe statt Zuschreibungen

Willkür entmachtet, weil sie Gründe zerstört. [Macht – Wahn-Sinn war der Titel des Foucault Tribunals] Wer Gründe formuliert, schafft Orientierung – und damit Handlungsspielraum. Das gilt selbst in Situationen äußerer Machtlosigkeit: Die Fähigkeit, Gründe zu formulieren, ist ein innerer Akt der Freiheit und ur-menschlich.

3. Die eigene Rolle als Akteur behaupten

Akteur‑Sein heißt nicht, alles kontrollieren zu können. Es heißt, die eigene Perspektive nicht aufzugeben. Selbst minimale Handlungen – ein Gedanke, eine Entscheidung, ein Nein, ein Schritt – können die Opferposition aufbrechen. Deshalb hat mir allein der Gedanke an eine existierende Irren-Offensive so sehr geholfen, dem psychiatrischen Kerkersystem zu entkommen, siehe hier.

4. Beziehungen neu ordnen

Opfer‑Dasein entsteht oft in Beziehungen, in denen Macht unausgewogen ist. Wer Grenzen setzt, Allianzen sucht bzw. sich aus solchen asysmetrischen Beziehungen löst, verändert das Machtgefüge.

5. Die Vielfalt der Möglichkeiten anerkennen

Der Satz, der mich als „ontologische Freiheit“ schon lange begleitet:

„Aus denselben Gründen kann das Verschiedenste getan werden, und aus den verschiedensten Gründen kann dasselbe getan werden.“

Dieser Satz ist ein Schutz gegen Opfer‑Dasein. Er bedeutet:

  • Nichts ist eindeutig festgelegt.
  • Handlungen sind offen.
  • Interpretationen sind vielfältig.

Wer Kontingenz anerkennt, erkennt auch: Es gibt immer Alternativen – und damit immer Möglichkeiten.

Fazit: Freiheit als Widerstand gegen die Opferrolle

Opfer‑Dasein ist nicht nur ein Zustand, sondern eine Erzählung über sich selbst. Macht und Willkür können diese Erzählung begünstigen, aber sie können sie nicht erzwingen. Freiheit beginnt dort, wo man sich weigert, die eigene Handlungsfähigkeit einzuschränken und u,U. Häme und Schadenfreude Raum zu geben. Sie beginnt in der Sprache, in der Deutung, im Denken, im kleinsten Akt der Selbstbehauptung.

Wer das Opfer‑Dasein vermeidet, verteidigt nicht nur sich selbst – sondern die Möglichkeit, die Welt zu gestalten.